Der Bundestag ist kein „Reichstag“

„Reichsbürger“ sind keine Bundesbürger und der Bundestag ist kein „Reichstag“

Wendelin Haverkamp

Von „Reichsbürgern“ war in den letzten Wochen viel die Rede, einer jetzt erst in die Öffentlichkeit geratenen Mischung aus gestörten und gewaltbereiten deutschen Rechtsaußen und Neonazis. Es wird besorgt gefragt: Wer ist denn das? Und wo kommen die her? Wobei mich erst mal interessieren würde: Warum nennen die sich eigentlich „Reichsbürger“?

Es ist ein Wort, in dem die Wirklichkeit negiert wird, und schon sind wir beim Grundsätzlichen: Kommt es aufs Wort an oder auf die Wirklichkeit? Nehmen wir mal die verbalen Selbstbeweihräucherungen am Jahrestag der „Wende“ oder zum Jubiläum des Grundgesetzes. Je nach Talent der gedenkausübenden Personen klingen die seit Jahrzehnten heruntergebeteten freiheitlich-demokratischen Gelübde wie die Refrains alter Lieder, deren Inhalt man beim Mitsingen nicht mehr realisiert.

Dies führte zu einem Wirklichkeitsverlust, der den Blick darauf verstellt hat, dass der neue Nationalismus nicht mehr an Springerstiefeln und Glatzen zu erkennen ist. Er existiert inzwischen auch bei der Polizei, in Ministerien, bei Parteien und auch in der Meinungsmacher-Schnellküche. Wo es auf jedes Wort ankommt: „Deine Sprache verrät Dich!“ Hätte Petrus nicht so’n deftiges Platt gesprochen, wäre er nicht so fies aufgefallen. Nicht die Sonne, die Sprache bringt es an den Tag oder: Sag mir, wie Du sprichst, und ich sage Dir, wie viel Nationalismus in Dir steckt.

Es sind die Subtexte, in denen auch der politisch korrekte Bürger nationale Sehnsüchte ausleben kann. Bestes Beispiel dafür ist der Gebrauch des Wortes „Reich“. Wer zum Beispiel „Spiegel“ liest, kann seit Jahren verfolgen, wie es den Redakteuren offensichtlich ein innerer Reichsparteitag ist, dieses Wort möglichst oft zu benutzen, wenn sie aus Berlin berichten. In manchen Artikeln kommt die Silbe „Reich“ öfter vor als die Silbe „Bund“. Das lässt dramatisch den Mantel der Geschichte wehen, es transportiert die Ahnung dunkler Größe: Ja, waren nicht auch wir mal „groß“? Ein drogenartiger Geruch scheint von der Vokabel „Reich“ auszugehen, dem viele öffentlich Sprechende so wenig widerstehen können wie Fliegen dem Kuhfladen. Der Gebrauch des Wortes „Reich“ streichelt offensichtlich Wallungen, die tief im deutschen Wesen wogen: Wallalaweia!

Gedruckt und gesendet wird das Wort „Reich“ ohne Scheu in allen Kombinationsmöglichkeiten. Demnach beschließt man Gesetze im „Reichstag“, führt Interviews aus dem „Reichstag“ heraus, und wo findet das feierliche Gelöbnis der Soldaten statt? Vor dem „Reichstag“. Bildunterschriften, Schlagzeilen, der deutsche „Reichstag“ ist allgegenwärtig. Warum benutzt man nicht das Wort „Bundestag“? Man benennt vielleicht ein Gebäude nach der Institution, die sich darin befindet, aber nicht eine Institution nach den Mauerresten, die drumrumstehen. Anders gefragt: Warum wohl nennen sich Rechtsradikale „Reichsbürger“?

Vor Jahren rief ich eine Sender-Hotline an: „Hallo, in Ihrem Programm melden sich ständig Reporter aus einem sogenannten ‚Reichstag‘ und rufen Sachen wie: ,Hallo Klaus! Ich erfahre gerade, dass der Präsident im Reichstag eingetroffen ist.‘ Und da wollte ich mal fragen, wer denn im Moment gerade Reichskanzler ist?“ Die Dame meinte, dazu habe sie leider keine aktuellen Informationen, und mit der Redaktion könne sie auch nicht verbinden. Die seien nämlich alle in Berlin, wegen der vielen Live-Sendungen aus dem „Reichstag“.

Ein Sprachgebrauch, der „Reichs- bürger“ gewiss freut. Da fühlt man sich doch wieder wie 37. Seit Langem versuchen Neonazis, sächsische vorneweg, das Wort „Reich“ im alltäglichen Sprachgebrauch zu etablieren, weil sie explizit die Wiedererrichtung eines deutschen Reiches anstreben. Des vierten, versteht sich, das natürlich ausgerufen wird in Berlin: im „Reichstag“. Die Vokabel hat einen festen Platz im Sprachgebrauch der Rechtsradikalen und meint einen zentralistischen, nationalistischen, diktatorischen Staat.

Die Beschilderung müsste nicht mal geändert werden. Wer heute den Bundestag sucht, liest in Berlin-Mitte auf Verkehrsschildern „Reichstag“. Und ganz klein drunter: „Sitz des deutschen Bundestages“. Stehen müsste da „Bundestag“ und ganz klein drunter, wenn überhaupt: im ehemaligen Reichstagsgebäude. Bis heute denken die Berliner nicht daran, diese Beschilderung zu ändern. Darf man fragen, warum? Hat es zu tun mit den Motiven, aus denen heraus Deutsche sich demonstrativ als „Reichsbürger“ bezeichnen? Anders gefragt: Kommt es aufs Wort an? Oder ist es in unserer verlotterten Sprachwelt völlig egal, wie wir uns durch den Tag schwadronieren? Dann können wir ja auch weiterhin von „Negern“, „Entvolkung“ und „Untermenschen“ sprechen, und Schluss wäre mit dem „Studierendenparlament“ und der ganzen Gender-Sprachpolizei.

Wie meinen? Manche Worte fänden Sie dann doch ziemlich wichtig? In der Tat. Wer unser frei gewähltes, demokratisches Parlament „Reichstag“ nennt, benutzt den Jargon von Rechtsextremisten. Wer solcherart sachlich falsch formuliert, soll bitte erklären, warum er das tut. Adieda! “

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